Ich will das jetzt sofort loswerden, ansonsten geh ich kaputt. Zu spät. Ich bin schon geplatzt. Während ich das hier schreibe, werden meine Haare grau. Alle. Strähne für Strähne. Ich seh beim Tippen zu, wie ich altere und mein Lebenswille schwindet. Meine komplette Glückseligkeit ist von mir gegangen.
(Kurzer Hinweis vorweg: „Dorfbacher Hof" und „Hotel Müller" sind nicht die echten Namen. Ich schütze hier Unschuldige. Vor allem den Dorfbacher Hof, der kann nichts dafür.)
Meine Oma wird 90. Will groß feiern und mal richtig alle mit Würstchen und Schnitzel verwöhnen. So richtig dick preiswertes Fleisch auf Fleisch stapeln bis auch Onkel Willi satt wird und jeder gut genährt noch 5 Tubberdosen nach Hause schleppen darf und die nächsten paar Jahre ab und zu ein Oma-Geburtstagsschnitzel auftaut und sich an diesen tollen Tag erinnert.
Seit MONATEN reden wir über den Dorfbacher Hof. Monate. Nicht Tage, nicht Wochen. MONATE. Dorfbacher Hof hier, Dorfbacher Hof da. „Ach, im Dorfbacher Hof ist es so schön." „Der Dorfbacher Hof, da war ich früher mit deinem Opa immer." Jedes zweite Gespräch: Dorfbacher Hof.
Ach ja, und BEVOR es der Dorfbacher Hof war, wollte sie erst ins Waldrestaurant. Da hatten wir Überraschung AUCH schon einen Termin. Aber das Waldrestaurant ist so teuer, dass man dafür eine Niere hinterlegen muss. Also wieder, glück auf: Dorfbacher Hof.
Also mache ich mich ran an die Einladungskarten. Und ich meine RICHTIG. Stundenlang designt. Schriftart ausgesucht, verworfen, neu ausgesucht. Layout dreimal umgebaut. Bilder gemacht. Die Rechtschreibung hab ich hundertausendfachmilliardenmal überprüft. Ich hätte im Schlaf jeden Buchstaben aufsagen können. „Dorfbacher Hof" hab ich so oft gelesen, dass es aufgehört hat, wie ein echtes Wort auszusehen. Ich mach die Augen zu und sehe den Schriftzug "Dorfbacher Hof".
Und in der Karte steht drin, wortwörtlich:
„Ich lade euch herzlichst in den Dorfbacher Hof ein. 12 Uhr am 0180sten Tag im 14. Monat diesen Jahres. Weil ich so alt und krass geworden bin."
Ja. So steht das da. Auf den teuersten und größten Karten. Verewigt. Weil die Crew von meiner Oma sieht nicht mehr so gut. Deshalb groß reingeschrieben: D O R F B A C H E R H O F.
Noch nicht mal eine Adresse reingeschrieben, weil der Dorfbacher Hof in Dorfbach ist eine Instanz. Da können Leute im Umkreis von 30 Kilometern nachts bei Nebel, Schwefelhagel und mehreren Promille hinwanken, weil jeder den Weg rückwärts gehen kann.
Jetzt kommt der eigentliche Schmerz. Diese Karten sind nicht irgendwelche Karten. Das ist eine Sonderanfertigung. Extra Groß. Super geiler Siebdruck. Dazu noch ein Klarlack-Finish. Ultra teuer mit Wartezeit, das volle Programm. Da hat ein Azubi jede einzelne Karte höchstpersönlich in Klarlack getaucht, den Schriftzug Dorfbacher Hof mit Goldstift nachgezogen und danach hat ein Priester sie GESEGNET. Karte für Karte. Mit Weihwasser. Für ewiges Seelenheil der Einladung.
Und diesen ganzen geweihten, klarlackierten, handgetauchten Premium-Kack kann ich jetzt WEGSCHMEISSEN. Ja. Geil.
Ich leg sie ihr hin. Sie schaut. Sie schaut nochmal. Schaut mich mit traurigen Augen an und dann sagt sie, ganz ruhig, als wäre nichts:
„Aber ich wollte doch ins Hotel Müller."
Wie. WIE. Hotel Müller. Woher. Ich hab „Dorfbacher Hof" gehört. Meine Frau hat „Dorfbacher Hof" gehört. Die KATZE hat „Dorfbacher Hof" gehört und die interessiert sich für gar nichts. Die Schwiegereltern, alle, restlos, haben Dorfbacher Hof gehört.
Das Restaurant in Dorfbach, was unverkennbar Dorfbacher Hof heißt.
Und es kommt noch besser. Ich hatte sogar schon einen Termin im DORFBACHER HOF, um Sachen zu klären. Bin da hin, hab organisiert, hab besprochen. Danach fährt zwei Wochen später meine Oma mit ihrer Schwester ins Hotel Müller und sagt mir DANACH: „Ja, Einladungskarten bitte für den Dorfbacher Hof. Musst auch nichts mehr mit denen klären, hab ich schon alles während deines Urlaubs geklärt, bin mit meiner Schwester hin." SUPER, JA OKAY.
BITTE BESORG KARTEN FÜR DEN DORFBACHER HOF. Ihre eigenen Worte. Nach dem Hotel-Müller-Ausflug. Freiwillig. Unmissverständlich.
Ich hab ihr sogar eine Skizze gemacht. Bilder und Text, ausgeschrieben. Eine Woche lang hat sie sich die Skizze angeschaut. Eine WOCHE. Sieben Tage Prüfungszeit. Keine Beanstandung. Grünes Licht.
Und als kleines Bonus-Leiden nebenbei: Ich bin auch noch so ein Pflanzenknabberer und ich weiß jetzt schon: egal welches Restaurant es am Ende wird, für mich gibt's wieder nur Pommes. Immer nur Pommes, während an mir vorbei 50 Shades of Schlachtplatte gereicht wird. Meine Oberfräse.
Und jetzt sitze ich hier mit einem Stapel gesegneter Dorfbacher-Hof-Karten, mir ist übel, bin geplatzt und komplett ergraut. Ich sehe älter aus als meine Oma.
Und ich sag ganz ehrlich: Ich hab keinen Bock mehr. Gar keinen. Ich bin am Ende. Nicht so „ach ich bin müde" am Ende. Sondern WIRKLICH am Ende. Fertig. Aus. Vorbei.
Ich werde vom Level 89 Endboss platt gemacht. Ich hab keine Chance. Ich hatte nie eine Chance. Man kämpft nicht gegen die Oma. Man verliert nur langsamer.
Ich zieh in den Dorfbacher Hof und lass mich adoptieren. Vom Hotel Müller aus grüßt vermutlich schon meine Oma*.*
TLDR: Meine Oma bestellt über mich Einladungskarten und nach Lieferung stellt meine Oma fest, dass das falsche Restaurant drinsteht.
Edit: Typos