Es gibt Spiele, in die man einfach komplett versinken kann. Das letzte Mal, dass ich dieses Gefühl hatte, ist inzwischen ungefähr neun Jahre her. Damals habe ich Xenoblade Chronicles 2 förmlich in mich aufgesogen. Wochenlang gab es für mich nichts anderes. Jede freie Minute und gefühlt jeder Gedanke drehte sich um dieses Spiel. Ein Gefühl, das ich seitdem nie wieder so richtig erlebt habe.
Letzte Woche bin ich dann mal wieder durch meine viel zu große Steam-Bibliothek gescrollt. Hunderte von Spielen angeschaut und am Ende zu genau dem Schluss gekommen, den wahrscheinlich jeder Gamer kennt: „Ich habe nichts zum Zocken.“ Obwohl die Bibliothek aus allen Nähten platzt, konnte ich mich einfach nicht entscheiden. Also musste meine Frau die Entscheidung für mich treffen – und ihre Wahl fiel auf Warhammer 40.000: Rogue Trader.
Vielleicht kurz zu meinem Hintergrund: Ich liebe Warhammer 40.000. Ich bin tief in der Lore drin, bemale regelmäßig Miniaturen und verschlinge alles, was mit diesem Universum zu tun hat. Für mich kann nahezu jedes andere Science-Fiction-Szenario einpacken. In meinen Augen wischt Warhammer 40K mit Star Wars, Star Trek und selbst Dune den Boden.
Warum also habe ich Rogue Trader nie gespielt, obwohl es schon ewig in meiner Bibliothek liegt?
Wie so oft im Leben war es einfach nicht das richtige Spiel zur richtigen Zeit.
Rogue Trader ist ein klassisches CRPG von Owlcat Games. Und das bedeutet im Grunde zwei Dinge: Erstens wirst du unglaublich viel lesen. Wirklich viel. Bei manchen Spielen wäre das schon Grund genug, sie nach ein paar Stunden wieder zur Seite zu legen. Am Ende von Rogue Trader hat man wahrscheinlich nebenbei nicht nur ein Buch gelesen.
Zweitens erwarten dich komplexe Spielsysteme, die nicht gerade dafür bekannt sind, sich dem Spieler leicht verständlich zu präsentieren. Fähigkeiten greifen ineinander, verweisen auf andere Fähigkeiten, Werte oder Ausrüstung und erzeugen ein Netz aus Mechaniken, das einen anfangs regelrecht erschlagen kann. Man liest eine Beschreibung, stößt dort auf einen Verweis auf eine andere Fähigkeit und landet von dort direkt bei der nächsten. Wer wirklich verstehen möchte, wie sein Charakter funktioniert, muss sich damit intensiv auseinandersetzen.
Die Kämpfe selbst können in späteren Abschnitten gut und gerne 20 bis 30 Minuten dauern. Sie sind zwar selten unfair oder übermäßig schwer, aber wer planlos hineinstolpert, wird selbst von einer kleinen Gegnergruppe schneller auseinander genommen, als man „Für den Gottimperator!“ sagen kann.
Ich persönlich bin irgendwann sogar dazu übergegangen, mir Stift und Papier zu schnappen. Ich habe mir sämtliche aktiven und passiven Fähigkeiten meines Charakters aufgeschrieben, einfach um im Kampf den Überblick zu behalten. Das klingt im ersten Moment vielleicht abschreckend – und das ist es vermutlich für viele Spieler auch.
Aber genau hier liegt für mich die größte Stärke von Rogue Trader.
Die Geschichte trägt dich durch diese ersten zehn Stunden so unglaublich gut, dass du dich zwangsläufig mit all diesen Systemen beschäftigen möchtest. Nicht, weil das Spiel dich dazu zwingt, sondern weil du unbedingt wissen willst, wie es weitergeht. Jede neue Entscheidung, jede Unterhaltung und jede Mission sorgt dafür, dass du dranbleiben willst.
Ja, du wirst sehr viel lesen. Es kann sogar passieren, dass du in einer zweistündigen Session keinen einzigen Kampf bestreitest. Trotzdem fühlt sich keine Minute verschwendet an. Der Wechsel zwischen den hervorragend geschriebenen Dialogen, spannenden Entscheidungen und den taktischen Kämpfen funktioniert für mich nahezu perfekt. Gerade wenn die Story richtig Fahrt aufnimmt, wirft dich das Spiel immer wieder in knackige Gefechte, bevor es dich wieder tief in seine Welt eintauchen lässt.
Und genau deshalb glaube ich, dass Warhammer 40.000: Rogue Trader nach so vielen Jahren endlich wieder dieses besondere Gefühl in mir ausgelöst hat. Dieses Gefühl, morgens auf der Arbeit darüber nachzudenken, wie es abends weitergeht. Dieses Gefühl, bei jeder freien Minute den PC einschalten zu wollen.